2016/01/24

2. CHRISTOF KATHER | Japanische Kampfhörspiele



WIE KAM ES ZUM FRAGEBOGEN?
Ungefragte Vermittlung vom Mama (siehe Black Band, Muskel, etc.). Christof stach sofort durch 1+-Antworten, gute Tipps und attraktiver Ähnlichkeit zu Bruce Campbell hervor.  

PERSON

Name/Wohnort
Christof Kather, zur Zeit wohnhaft in Wesel.

Ist dies Dein erstes Interview?
Nein. Das Netz und auch der Printbereich sind voll von meinem zum Teil haltlosen, manchmal schrägem, oftmals auch einfach nur peinlichem Geschwätz. Vieles von dem war hoffentlich nicht ernst gemeint. Hier werde ich aber zum ersten Mal versuchen, ganz ernsthaft zu antworten.

Deine aktuellen Bands/Projekte
TITI NITI, FAKE IDYLL, ELEKTROKILL, NONSTOP SPRITZEN, MÄDCHENDRECK und seit 2014 wieder JAPANISCHE KAMPFHÖRSPIELE.

In welchen Bands hast Du vorher gespielt?
NOTAUFNAHME, AKNE VULGARIS, BRACHIALDÜNST, um nur die Wichtigsten zu nennen.

Wie lange machst Du schon Musik? Wie kam es dazu?
Als Kind habe ich mal Klavier spielen müssen, weil ich die Frage danach, ob ich Lust dazu hätte, aus Versehen und ohne richtig zugehört zu haben mit „Ja“ beantwortet hatte, um weiter mit meiner Autogarage spielen zu können. Als ich 15 war, schenkten mir meine Eltern ein Schlagzeug, welches mein Onkel im Sperrmüll gefunden hatte. Wir waren damals sehr arm. Nachdem ich zwei Jahre lang eher sinnlos darauf herumgekloppt hatte, fing ich dann langsam an, mich für Schlagzeug zu interessieren. Auf Drumkits aus dem Sperrmüll spiele ich bis heute. Frühe Erfahrungen prägen einen ja sehr. 

Welche Instrumente spielst Du? Gelernt oder Autodidakt?
Schlagzeug. Das ist jetzt nicht wirklich ein Instrument, da es ja im engeren Sinn keine Töne macht. Autodidakt natürlich. Alles andere ist ja unsportlich!

Dein liebstes Stück im Proberaum?
Zur Zeit „Gekochtes für Tiere“, ein JAKA-Klassiker, der nicht so anstrengend zu spielen ist, wie viele modernere Kompositionen der Band. Obwohl ich, seit ich keine Drogen mehr nehme, körperlich fitter bin, bin ich dennoch gemütlicher geworden. Wahrscheinlich Altersweisheit.

Würdest Du sagen, dass Du Dich und Deinen Stil gefunden hast?
Mein Stil hat mich gefunden. „Immer kommen lassen“ ist ja die oberste Devise! Also für Orchestermusiker oder Nach-Zahlen-Maler nicht, aber da stellt sich die Frage nach einem eigenen Stil ja auch eher weniger.

Was würdest Du Deinem 16jährigem Ich mit auf den Weg geben?
Immer kommen lassen! Nie üben! Und vor allem: Niemals Unterricht nehmen! Speziell aufs Metaldrumming bezogen: Metaldrumming muss harte Arbeit sein. Jazztechniken und Triggertricks verachten. Wer weder schwitzt noch blutet, ist kein Metaldrummer!


ZEIT & GELD

Beruf/Job?
Da ich nach meinem Studium (Harvard) sehr viel Geld mit Spekulationen auf Lebensgrundlagen gerafft habe, welches ich geschickt in Luxusimmobilien angelegt habe, müsste ich eigentlich gar nicht arbeiten gehen. Ich tue es aber trotzdem, und zwar, um nicht vollkommen die Bodenhaftung zu verlieren. Aus ebendiesem Grund arbeite ich in der Krankenpflege. Um dies wiederum zu konterkarieren, spiele ich in der sich pazifistisch gerierenden Band JAPANISCHE KAMPFHÖRSPIELE. Mir ist natürlich klar, dass die Welt eher so machiavellistisch funktioniert und Leute wie Swift, Voltaire, Rousseau, Chomsky oder Lafontaine nichts als naive Utopisten waren und sind. Es geht mir also mehr um eine ausgewogene Wolkenkuckucksheim-Bodenhaftungs- als um eine Work-Life-Balance.

Wieviel Zeit bleibt Dir für die Musik? Reicht Dir das?
Wir proben ehrlich gesagt nicht sehr viel mit JAKA. Mit anderen Projekten probe ich gar nicht, da wird nur produziert. Auftritte sind auch sehr rar, das Musikbusiness ist ja zur Zeit eher tot als lebendig. Und da ich ja, wie gesagt, nicht übe, habe ich tatsächlich mehr Zeit als nötig.

Würdest Du überhaupt hauptberuflich Musiker sein wollen?
Gott bewahre! Ständiges Busfahren, ständig Equipment schleppen, ständig auf den eigenen Auftritt warten und dabei den Lärm der Vorbands ertragen müssen! Nein, so, wie es zur Zeit läuft, ist es genau richtig. Ich bin heilfroh, dass ich mein Geld auf unehrliche Weise verdient habe.

Hast Du eine Beziehung oder Familie? Wie wirkt sich das auf die Band aus?
Ich bin verheiratet und habe zwei Kinder. Mit ihnen verbringe ich die meiste Zeit. Da sich Kinder ja meist in eine entgegengesetzte Richtung entwickeln, besteht die Hoffnung, dass sie einmal anständiger sein werden als der alte Opportunist, mit dem du dich hier gerade unterhältst.

Wie lange hast Du es zum Proberaum?
45 Minuten.

Was zahlt Ihr für Euren Proberaum?
€52,50.

Wie oft in der Woche machst Du Musik?
Wir proben zur Zeit im Schnitt alle zwei Monate einmal. Immer, wenn mal wieder eine Show ansteht.

Verdienst Du mit der Band Geld? Ist das wichtig?
Ja. Nötig habe ich es nicht. Ein paar Euro sollte man aber schon verlangen. Wenn man gratis oder für zu wenig Gage spielt, besteht die Gefahr, auf so ein AZ- oder Bauwagen-Niveau abzurutschen, wo es dann auch keine guten Anlagen mehr gibt und der Sound total kacke ist. Ich bin jetzt nicht so der Soundfetischist – Bühnensound z. B. betrachte ich als reinen Luxus - gerade Metal muss aber knallen, und das tut er nur ab einer gewissen Lautstärke.






















BANDAKTIVITÄT

Warum spielst Du in einer Band?
Haha, das frage ich mich auch!

Warum spielst Du Konzerte?
Wegen der Groupies sicher nicht.

Wie viele Konzerte spielst Du im Jahr? Reicht Dir das?
Zur Zeit so ca. 20. Das reicht. Wenn wieder mehr geht, die Leute, anstatt mit ihren X-Boxen und Gameboys und was es alles gibt rumzudaddeln, wieder verstärkt auf Konzerte gehen, hätte ich sicher auch Lust auf 30 Shows im Jahr.

Kommst Du zum Touren?
Das haben wir einmal gemacht. Nie wieder!

Hast Du schon aufgenommen? Unter welchen Umständen? Welche Formate?
Das hingegen mache ich permanent. Alles: Tapes, CDs, LPs, 7inches, al-les. Seit 2012 habe ich ein eigenes Studio. Heutzutage bedeutet Studio ja ein Laptop und 8 Mikros.

Warum nimmst Du auf?
Prestigegewinn, Narzissmusbefriedigung, hallo, hier bin ich.

Was ist heute noch von den alten Strukturen wichtig (Label/Booking/Management)?
Kommt drauf an. Für Berufsmusiker wie z.B. CALIBAN ist das und noch viel mehr wichtig. Wenn einem fünf bis fünfzig Leute reichen, den eigenen Narzissmus zu hätscheln, kann man auf all das weitestgehend scheißen und sein eigenes Ding machen. Dann braucht man noch nicht einmal Facebook, sondern lediglich eine krude Website, die so tut, als sei sie ein Label.

Nutzt Du davon etwas oder alles DIY?
DIY or die! Noch so eine Devise.

Wie sind die Aufgaben innerhalb der Band verteilt (Booken, Songwriting, Finanzen, etc.)?
Wir spielen fast ausschließlich auf Anfrage. Um diese kümmert sich unser einer Sänger. Der andere kümmert sich um die Finanzen bzw. was man so nennt. Die Songs schreiben sich von selbst.

Verbringt Ihr auch außerhalb des Proberaums Zeit miteinander? Ist das wichtig?
Finde ich nicht. Und tun wir auch nicht.

Was erwartest Du von Bandkollegen?
Pünktlichkeit, ein gepflegtes Äußeres, Freude am Leben. Das wars schon.

Bist Du zufrieden mit dem Output Deiner Band?
Es könnte ein bisschen weniger sein. Manche Fans haben wir schon verloren wegen des inzwischen unüberschaubaren Oeuvres.

Habt Ihr »Fans«? Wie ist Euer Kontakt zum Publikum? Ist das wichtig?
Ich glaube, wir haben welche. Wichtig ist uns das nicht. Ich sag mal so: Wenn Leute zu sehr Fan sind, das, was wir machen ausnahmslos toll finden oder als „genial“ bezeichnen, muss ich davon ausgehen, dass sie auch vieles andere genauso unreflektiert gut finden. Was wir machen, ist ganz bestimmt nicht ausnahmslos toll, geschweige denn genial. Ich selbst finde auch niemanden und nichts uneingeschränkt toll, sondern nur gewisse Aspekte – und die umso toller, weil sie im Kontrast stehen zu dem Vielen, was dem jeweiligen Künstler in die Hosen gegangen ist. Wichtig ist mir persönlich also eine wirkliche Auseinandersetzung mit dem, was wir machen. Auf „ey, ihr seid die Besten“ pfeife ich. Und das verbitte ich mir auch!

Wie stehst Du zur Gema?
Die Gema muss auch leben. Ich unterstütze sie, bin also Mitglied. Manchmal rufe ich bei denen an, einfach, um mal wieder ein nettes Telefonat zu führen. Viele Telefonate sind ja sehr kühl und berechnend heutzutage. Immer wollen die Leute irgendwas von einem und tun nur so, als seien sie freundlich. Die Herren und Damen bei der Gema sind wirklich freundlich! Ich habe da bisher ausschließlich sehr gute Erfahrungen gemacht. 

Würdest Du andere Musik machen wenn Du andere Möglichkeiten hättest (mehr Zeit, mehr Geld, anderes Land oder Stadt etc)?
Wenn ich anders sozialisiert worden wäre, würde ich heute keinen Metal machen. Sind wir doch mal ehrlich, Metal ist jetzt nicht gerade Musik, die angenehm zu hören ist. Früher ging es natürlich genau darum! Da mussten Eltern und Lehrer geschockt werden. Heute höre ich privat, wenn überhaupt Musik, dann andere.

Was würdest Du Dir und Deiner Band am ehesten wünschen?
Erfolg jedenfalls nicht. Das wäre das Ende.

Was hast Du in deinen Jahren in Bands gelernt?
Liebe und Nachsicht mit den Menschen im Allgemeinen. Menschen sind sehr dumm. Für das Meiste können sie wirklich nichts. Sie zerstören den Planeten nicht mit Absicht, sondern nur, weil sie Naturschutz und Tierrechte für nazistisch halten. Wenn man das einmal begriffen hat, kann man sie einfach nur noch lieb haben, so leid tun sie einem dann.

Tipps und Weisheiten?
Ich glaube, die bin ich schon alle losgeworden. Ich fasse nochmal ganz kurz zusammen: Übt nie und streichelt die Menschen!


BEST & WORST

B & W Proberaum-Drink
Am besten ist Wasser. Und zwar mit Kohlensäure. CO2 ist nämlich in Wahrheit sehr gesund. Alles Alkoholische ist schlecht, da es zu Lasten der Performance geht.

B & W Konzerterfahrung
Gut ist immer ein Catering, welches mit Liebe gemacht wird. Im Osten Deutschlands versteht man sich drauf in den meisten Läden, in denen wir gespielt haben.

B & W eigene Songs
Manchmal ist beides gut, Text und Musik. In solchen Fällen hat man Glück gehabt und kann das Lob der sogenannten Fans auch annehmen, ohne dabei rot zu werden und darauf hinzuweisen, dass einem das ja lediglich passiert ist und perfekte Songs weniger mit einer außerordentlichen Begabung zu tun haben als mit einer außerordentlichen Behinderung.

B & W Essen vor einem Gig
Generell sollte man, als Metal-Schlagzeuger zumindest, wenig bis gar nichts essen, bevor man auf die Bühne geht. Bekotzte Trommeln sind sehr schwer zu reinigen. Gutes Catering also bunkern für hinterher. Schlechtes Catering sowieso nie anrühren!

B & W Publikum
Wenn die Leute zur Bühne gucken, ist das schon mal nett. Wenn ehrlich gepogt wird, spitze. Es muss aber ehrlicher Pogo sein, der ganz unverstellt aus den Leuten herausströmt. Nicht so ein amerikanischer Marketingpogo, der nur gefallen will.

B & W Proberaum
Trocken muss der sein. Alles andere ist zweitrangig.


COMMUNITY

Siehst Du Dich als Teil einer Szene/Community? Wenn ja, wie definiert sich das? Ist es Dir wichtig?
Als DIY-Fanatiker haben wir uns unsere Community selbst zusammengeschustert. Anscheinend sind uns Szene und Community unwichtig. Jedenfalls sind wir nach wie vor immer wieder erstaunt darüber, wohin man uns überall einlädt, und dass die Leute uns dort dann auch kennen.

Wie siehst Du die momentane Situation für Bands in Deiner Stadt/ Deinem Land/ der »Community«?
Da kann ich gar nichts zu sagen. Nur eben, dass es früher mal besser gewesen ist mit dem allgemeinen Interesse für Musik. Das liegt sicher an dem immensen Output-Overkill und daran, dass niemand mehr zu einer bestimmten Szene gehört oder ein konkretes Genre gut findet. Alle müssen ja viel mehr erledigen in ihren kurzen Leben, als möglich ist. Die Möglichkeiten sind einfach zu viele, die Leute, die sich glauben machen lassen, dass sie auf keinen Fall etwas verpassen dürften, ebenfalls.

Gute Bands aus Deinem Umkreis/Community?
Die habe ich alle schon genannt bei Frage Nummer 3.

Gute Venues aus Deinem Umkreis/Community?
Was heißt gut? Manche bestechen durch Sound, andere durch Architektur oder Charme, wieder andere durch gute Köche. Es gibt überall in Deutschland gute Läden. 

Gute Label aus Deinem Umkreis/Community?
unundeux ist jetzt nicht wirklich ein Label, aber ein sehr gutes.

Wie wichtig sind für Dich Fanzines, Blogs, lokale Venues?
Okay, jetzt hast du mich. Mein Weltbild ist doch eher klein und bescheiden. In Anbetracht des Viel-zu-Vielen halte ich es für sehr wichtig, alles lokale wertzuschätzen und idealistische Handarbeit zu unterstützen bzw. sich von solcher unterstützen zu lassen. Ich kaufe Lebensmittel gern auf dem Markt, wo mir der Fleischer in die Augen schauen kann, ohne meinem Blick auszuweichen. Ich bin gegen die Macht der Konzerne, gegen Globalisierung, gegen den unverschämten und Kriege befördernden Lebensstil des Westens. Ich habe gar nicht in Harvard studiert. Aber ich bin trotzdem kein Nazi! Wir Nicht-Nazis brauchen die Fanzines, die Blogs, die unabhängigen Kritiker, kurz, die Leute mit Feuer im Arsch, also solche wie dich. Ihr repräsentiert das gute und ehrliche Netz in dem Wust, der nur auf Profit aus ist.


WEB

Wie siehst Du den Einfluss von Internet und sozialen Medien (z. B. Facebook, Bandcamp, etc.) auf »die Musikwelt«?
Hetzbook heißt das! Bandcamp ist, glaube ich, in Ordnung. Ansonsten sind soziale Medien so sozial wie der Nationalsozialismus – also gar nicht. Wenn ich noch einen guten Rat geben darf: Scheißt auf Erfolg und Likes. Das ist alles gelogen und hat mit Freude und Leben null zu tun. Das alles ist Plastik und also der Tod!

Wie aktiv bist Du/seid Ihr »im Netz«?
Mein Vorsatz für 2016 ist, mein eigenes Klickverhalten noch mehr zu reduzieren auf das wirklich Wichtige.

Was im Web bringt für Bands und Publikum was?
Alles im Web stiftet vor allem Verwirrung und lenkt ab vom Wesentlichen. Und das ist die Rettung des Planeten bzw. des Menschen.



SMARTIES

Über welche Medien hörst Du Musik?
Nicht lachen, bitte! Über einen iPod Shuffle. Den habe ich schon seit fast 10 Jahren und er funktioniert immer noch. Inzwischen sind auch diese Geräte von geplanter Obsoleszenz betroffen.

Aktuelle Entdeckungen?
„Die Festung“ von Lothar-Günther Buchheim. Nach dem Schmöker habe ich jahrelang gesucht. Letzte Woche endlich stolperte ich über ihn im Papierplaneten.

Das muss mit auf Tour
Frisches Obst und Gemüse und ein Schälmesser.

Dos & Donts in Bands
Im Bus rauchen ist verboten.

Sexiest Erlebnis als Musiker
Die Nackten-Polonaise in Bamberg 2005.

Weitere Leidenschaften neben der Musik
Kochen, lesen, Podcasts hören.


FINALE

Hast Du noch Fragen an mich?
Ja, aber das würde den Rahmen sprengen, fürchte ich.

Ein Song und ein Video Deiner Band (Link)
Von diesem hier sagen die Leute aus der überschaubaren Community und sogar meine JAKA-Mitstreiter, dass es ganz okay geworden ist, was Text, Musik und auch den Videoschnitt angeht: 




www.christofkather.de
www.japanische-kampfhoerspiele.de